Kriegskind

Literatur

 

Es gibt zum Thema "Kriegskindheit und Folgen" mehrere Literaturlisten, z.B.sehr ausführlich in alphabetischer Form nach Autoren geordnet bei http://www.forum-kriegsenkel,de, in Auswahl und  thematischer Gliederung bei http://www.kriegskinder-kriegsenkel.de; auch die frühere Homepage des Vereins "Kriegskind.de" bot eine thematisch geordnete Liste an, die aber nicht auf dem Laufenden gehalten werden konnte, weil so viele neue Veröffentlichungen erschienen. Die Literaturhinweise bei Wikipedia zu "Kriegskind" und "Kriegsenkel" sind nicht repräsentativ.

 An dieser Stelle wird nur auf eine kleine Auswahl von Büchern und Aufsätzen hingewiesen, die unseres Erachtens für die Verbreitung des Themas seit etwa 1999 besonders wichtig waren. Die folgenden einführenden Bemerkungen sollen die unterschiedlichen Fragestellungen und deren Bearbeitung in einen zeitlichen Zusammenhang stellen.

 Beobachtungen von Ärzten, Psychotherapeuten und Pflegenden zeigten in den 90er Jahren des 20.Jahrhunderts sehr deutlich, dass die Zeit des 2,Weltkriegs  bei vielen, die damals Kinder gewesen waren, nicht ohne gravierende Folgen geblieben waren. Diese wurden aber erst auffällig, als die "Kriegskinder" in den Ruhestand kamen - bis dahin hatten sie "funktioniert", um zu überleben. Es ist interessant, vom heutigen Standpunkt aus rückblickend zu sehen, auf welchen Wegen diese zunächst vereinzelten Erkenntnisse verbreitet wurden, um nach wenigen Jahren ins öffentliche Bewusstsein zu kommen.

 

Den Beginn der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema "Kriegskinder" könnte man in dem 1994 von Peter Heinl veröffentlichten Buch ""Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg...". Seelische Wunden aus der Kriegskindheit" erkennen, in dem der Autor über Therapien von Kriegskindern berichtete. Explizit auf dieses Buch bezog sich die 1999 durchgeführte Tagung der Evangelischen Akademie in Hofgeismar "Maikäfer flieg - dein Vater war im Krieg". Die Leiterin Barbara Heller betonte die damalige Schwierigkeit "über die Leiden der durch den Krieg Traumatisierten zu sprechen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, man wolle...von den eigentlichen Opfern ablenken". Es gelang hier endlich, das Schweigen zu durchbrechen und Mut zur Beschäftigung mit dem Thema zu machen.

 In der Folgezeit fanden Tagungen der Evangelischen Akademien (Bad Boll 2000, 2001, 2003; Schwerte 2001,2002; Hofgeismar, 2004, 2009) sehr rasch das Interesse zahlreicher Teilnehmer mit dem Gefühl des Betroffenseins als Kriegskinder. Auffallend viel wurde in Zeitungen  und im Rundfunk hierüber berichtet. Nach der ersten Tagung in Bad Boll gründete sich der Verein "Kriegskind.de"(Vorsitzende war Helga Spranger, Kiel), der bis zum Jahr 2014 regelmäßig Tagungen und Workshops veranstaltete und durch seine Internet-Präsenz an vielen Orten zur Bildung von Gesprächsgruppen von Kriegskindern führte. Die Erfahrung, dass das Sprechen über die eigenen verschwiegenen Erlebnisse erleichternd wirkte, wurde für viele Betroffene wichtig. - Eine jahrelange Kooperation bestand  mit dem "Förderverein Kriegskinder für den Frieden"(später umbenannt:in" Kriegskinder e.V. Forschung Lehre Therapie, Vorsitz: Curt Hondrich) [ www.kriegskinder-verein.de]. An vielen Orten in Deutschland fanden Veranstaltungen mit verschiedenen Referenten und betroffenen Teilnehmern statt.

 2000 war Hartmut Radebolds Buch "Abwesende Väter" erschienen; sein davon ausgehender Beitrag bei der Tagung der DPV im Mai 2002 in Leipzig gab den Anstoß zu einem vielbesuchten Symposion "Kriegsbeschädigte Kindheit: Folgen und offene Fragen" im Dezember 2002 in Kassel. Daraufhin gründete sich die Forschungsgruppe "weltkrieg2kindheiten (w2k)"  die bis 2010 arbeitete und 2011 einen Abschlussbericht vorlegte. Eine Liste aller Veröffentlichungen dieser Gruppe ist unter. www.kriegskinder-verein.de.zu finden. In die Veröffentlichung der Referate der Kasseler Tagung (Radebold,Hartmut (Hrsg.): Kindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen. 2003) konnte als Ergänzung bereits die Zusammenfassung einer neuen empirischen Studie von Elmar Brähler und Oliver Decker zur Situation der Kriegskinder eingefügt werden.

 Radebolds Thema der abwesenden Väter  war schon 1994 von Ulla Roberts in ihrem Buch "Starke Mütter - ferne Väter" von der Töchterseite aus angesprochen worden - es war jetzt an der Zeit für eine Neuausgabe, die 2003 erfolgte. Und 2006 veröffentlichten Hermann Schulz,Hartmut Radebold und Jürgen Reulecke "Söhne ohne Väter. Erfahrungen der Kriegsgeneration" mit der Darstellung von Einzelschicksalen, der wiederum von Andreas Fischer  als Grundlage für seinen vielbeachteten Dokumentarfilm "Söhne ohne Väter" diente, dem demnächst ein Film "Töchter ohne Väter" folgen wird (Premiere 31.1.2016 in Berlin).

 Auch einige andere früh erschienene Bücher wurden erst im Zuge der allgemeinen Kriegskind-Problematik aufgenommen: So wurde die Untersuchung von Sigrid Chamberlain "Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind."(1997) erst später zu einem der meistgelesenen Bücher zu den Auswirkungen der NS-Erziehung, die auf alle Kriegskinder folgenreich blieb. - Speziell über die Kinder von Vertriebenen schrieb Astrid von Friesen "Der lange Abschied.. Psychische Spätfolgen für die 2.Generation deutscher Vertriebener"(2000) - das Thema "Vertreibung" wurde damit in einen anderen Fokus gerückt als in vielen vorausgegangenen (letzten Endes politisch orientierten) Schriften. - Jürgen Müller-Hohagens Buch aus dem Jahre 1988 "Verleugnet, verdrängt, verschwiegen. Die seelischen Auswirkungen der Nazizeit" wurde von ihm 2005 völlig neu bearbeitet.

 Im Jahr 2003 wurde ein Vortrag von Michael Ermann "Wir Kriegskinder" im Rundfunk und im Internet verbreitet, der den Auftakt zu seinem Forschungsprojekt "Kriegskindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen" an der Münchener Universität bildete, das 2011 abgeschlossen wurde; eine große Zahl von empirischen Studien aus dem medizinischen Bereich wurde hier vorgelegt..[http://www.kriegskindheit.de]

 Bei einer 2001 stattfindenden Heidelberger Tagung  zur Psychohistorie wurde durch Charlotte Schönfeldt zum ersten Mal das Thema "Probleme der Kriegskinder" um den Aspekt "transgenerationale Weitergabe" erweitert, also um die Auswirkungen auf die nächste Generation, die heute als "Kriegsenkel" bezeichneten Kinder der Kriegskinder. .Die später wiederum von Ludwig Janus 2005 in Heidelberg geleitete Tagung "Geboren im Krieg" nahm diesen Gesichtspunkt  in mehreren Beiträgen auf; Hartmut Radebold  hat zu diesem Thema mit Werner Bohleber und Jürgen Zinnecker 2007 einen wichtigen Sammelband "Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten" herausgegeben.

 In den folgenden Jahren "boomte" das Thema "Kriegskindheit" geradezu. Es erschienen mehrere Bücher, die anschaulich anhand einzelner Lebensläufe Kriegskind-Schicksale darstellten: Heike Lorenz "Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation" (2003) und Helga Hirsch "Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema"(2004). Auch Sabine Bode, die sich schon seit ca. 1996 mit dem Thema beschäftigt hatte und durch zahlreiche Veröffentlichungen im Rundfunk und in Zeitungen bekannt geworden war, legte ihr Buch "Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen"(2004) vor, das bis heute als das wichtigste und meistgelesene Buch zum Thema "Kriegskinder" gilt.

 Den Höhepunkt bei der Verbreitung des Themas stellte dann der große Internationale Kongress "Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa sechzig Jahre nach Kriegsende" in der Universität Frankfurt/Main im April 2005 dar, an dem Hunderte Betroffener teilnahmen: er wurde von Mitgliedern der Forschungsgruppe "weltkrieg2kindheiten" (s.o.) geleitet,  war in allen Medien präsent und fand viel Beachtung und regte viele Aktivitäten an. Lu Seegers schrieb dazu eine gute Zusammenfassung. Danach entdeckte auch das Fernsehen das Thema und brachte verschiedene Dokumentationen und Spielfilme.

 Die vielen Veröffentlichungen zu allgemeinen und speziellen Problemen aus  dem großen Themenkomplex "Kriegskinder", die in der Folgezeit erschienen, können und sollen hier nicht aufgeführt werden - es ging an dieser Stelle nur darum, den Beginn zu skizzieren, der zu den verschiedenen Akzentuierungen führte. Dabei ist uns klar, dass wir viele Bücher und Aufsätze zum Thema unberücksichtigt lassen mussten, um den Rahmen nicht zu sehr auszuweiten.

 

Wichtig ist es aber, auf die zweite Phase der Auseinandersetzungen hinzuweisen, nämlich die Beschäftigung mit den Kindern der Kriegskinder. Mehrere Jahre, nachdem die "transgenerationale Weitergabe" fokussiert worden war (s.o.), nahmen  die sog. "Kriegsenkel" die Bearbeitung ihrer Probleme selbst in die Hand. Als erstes erschien 2008 von Ann Ev Ustorf "Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs"., 2009 Sabine Bode "Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation" und 2010 Bettina Alberti "Seelische Trümmer". Auch hier spielte für die weitere Verbreitung des Themas eine Tagung eine wichtige Rolle, die in Göttingen 2012 zum Thema "Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors" stattfand, initiiert von Winfried Kurth und Heike Knoch. 2010 gründete sich der "Verein Kriegenkel"; dessen Aktivitäten und Internethinweise führten zu der Gründung vieler Kriegsenkelgruppen in ganz Deutschland und zu verschiedenen Veranstaltungen und Publikationen [http://www.kriegsenkel.de] . Schon seit 2009 existiert die Website "Forum Kriegsenkel" [http://www.forumkriegsenkel.de] mit dem ausführlichsten Literaturverzeichnis und mit vielen einzelnen Erlebnisberichten und Hinterfragungen von Betroffenen.

 

Literaturauswahl

 

Alberti, Bettina: Seelische Trümmer. Kösel München 2010.

Bode, Sabine: Kriegsenkel. Die Erben einer vergessenen Generation. Klett-Cotta Stuttgart 2009.

Bode, Sabine: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Klett-Cotta Stuttgart 2004.

Brähler, Elmar/Oliver Decker/Hartmut Radebold: Beeinträchtigte Kindheit und Jugendzeit im Zweiten Weltkrieg. In: Radebold, Hartmut (Hrsg.): Kindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen. Psychosozial 92 Heft II, Gießen 2003, S.51-59.

Chamberlain, Sigrid: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher. Psychosozial Gießen 1997.

Evangelische Akademie Bad Boll: Kriegskinder - gestern und heute. Tagung 2000.

Evangelische Akademie Bad Boll: Kriegsbeschädigte Biographien und öffentliche Vergangenheitsbeschweigung. Tagung 2001.

Evangelische Akademie Bad Boll: Damit Europa blühe...Licht auf die Schatten der Vergangenheit. Tagung 2003.

Evangelische Akademie Hofgeismar: Maikäfer flieg, dein Vater war im Krieg. Tagungsprotokoll 319. 1999.

Friesen, Astrid von: Der lange Abschied: Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener. Psychosozial Gießen 2000.

Heinl, Peter: "Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg...". Seelische Wunden aus der Kriegskindheit. Kösel München 1994.

Hirsch, Helga: Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema. edition Körber-Stiftung. Hamburg 2004.

Janus, Ludwig (Hrsg.): Geboren im Krieg: Kindheitserfahrungen im 2. Weltkrieg und ihre Auswirkungen. Psychosozial Gießen 2006.

Knoch, Heike/Winfried Kurth/ Heinrich Reiß/Götz Egloff (Hrsg.): Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors. Jahrbuch für psychohistorische Forschung 13, Mattes Heidelberg 2012.

Lorenz, Hilke: Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation. List München 2003.

Radebold, Hartmut: Abwesende Väter. Folgen der Kriegskindheit in Psychoanalyen. VandenhoeckRuprecht Göttingen 2000.

Radebold, Hartmut: Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit. Klett-Cotta Stuttgart 2005.

Radebold, Hartmut (Hrsg.): Kindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen. Psychosozial 92 Heft II, Gießen 2003.

Radebold, Hartmut/Bohleber, Werner/Zinnecker, Jürgen (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Juventa Weinheim/München 2007.

Schönfeldt, Charlotte: Kriegskinder, ihre Kinder und Kindeskinder. Überlegungen aus der Perspektive von Eriksons Paradigma. In: Winfried Kurth/Ludwig Janus (Hrsg.): Psychohistorie und Persönlichkeitsstruktur. Jahrbuch für psychohistorische Forschung 2, Mattes Heidelberg 2001.

Schönfeldt, Charlotte: Kriegskinder und transgenerationale Verflechtungen. In: Janus, Ludwig (Hrsg.):Geboren im Krieg. Psychosozial Gießen 2006. S.232-260.

Schulz, Hermann/Hartmut Radebold/Jürgen Reulecke: Söhne ohne Väter. Erfahrungen der Kriegsgeneration. Ch.Links Berlin 2004.

Seegers, Lu: Tagungsbericht Frankfurt 2005: .http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-766.

Ustorf, Anne-Ev: Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Herder Freiburg im Breisgau 2008

 

Veröffentlichungen der Forschergruppe "weltkrieg2kriegskindheiten" und deren Abschlussbericht: http://www.kriegskinder-verein.de .

Veröffentlichungen zum Münchner Forschungsprojekt von Michael Ermann: http://www.m-ermann.de/projekt-kriegskind.html

 

 

 

 


© Charlotte und Alf Schönfeldt 2015     Foto © Rolf Schlatter/pixelio.de